Gründungsgeschichte

Die Kirche St. Jacobi in Göttin­gen wurde an der alten Heer­straße er­rich­tet, die von Norden nach Süden führt. Damit sollte Rei­sen­den und ins­be­son­de­re Pil­gern auf dem Weg zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Com­postela (Spa­nien) Ge­le­gen­heit geboten werden, in der Kirche zu be­ten.

 

Die erste Jacobi­kirche wurde um 1200 durch den Welfen­herzog Heinrich den Löwen (um 1130–1195) oder durch seinen Sohn Heinrich (V.), d. Älteren von Braun­schweig (1173/74–1227) als Burg­kapelle für die neu ent­stehen­de Sied­lung mit ihren Burg­mannen­höfen rund um Ritter­plan und Burg­straße er­rich­tet. Dieser Bau, über dessen Aus­sehen nichts be­kannt ist, erwies sich bald als zu klein. Des­halb er­teil­te Herzog Ernst von Braun­schweig-Göttingen (um 1305–1367) 1350 die Er­laub­nis zur Ver­grö­ße­rung. Eine In­schrift an der rech­ten Seite der Portal­halle gibt als Beginn des Um­baus das Jahr 1361 an. Auf der da­neben an­ge­brach­ten guss­eiser­nen Gedenk­tafel zum 500. Kirch­bau­jubi­läum ist jene In­schrift noch­mals wieder­gegeben.
Der Neu­bau der heu­ti­gen Kirche (1361–1402) begann mit der Er­rich­tung des Chor­raums, also von Osten nach Westen. Das ist an mehre­ren stilistischen Merk­malen zu er­ken­nen. So zei­gen z. B. die äußeren Ge­wände der Chor­fenster nur glatte Flächen im Gegen­satz zu den Hohl­kehlen in den Lang­haus­fenstern.

Der Innenraum 

Die St.-Jacobi-Kirche ist eine gotische Hallen­kirche mit einem Mittel- und zwei Seiten­schiffen.

 

Das Gewölbe des Mittel­schiffes geht ohne Triumph­bogen in den Chor­raum über, der nicht nur die­selbe Breite, sondern auch die­selbe Höhe wie das Mittel­schiff hat. Zu­sam­men mit der engen Pfeiler­stellung er­gibt sich so eine aus­ge­präg­te Tiefen­wirkung. Er­wähnens­wert sind die Schluss­steine im Ge­wölbe des Chor­raums, die kunst­volle Ver­zierun­gen auf­weisen: über dem Altar das Lamm Gottes mit Sieges­fahne, zum Lang­haus hin blüten­förmi­ges Blatt­werk. Von Reno­vie­rung zu Reno­vie­rung wechselte die Kirche ihr Kleid, manch­mal auch ihren Charak­ter. Die heu­tige Innen­aus­malung von 1999 hat dem Raum die Farb­fassung wieder­gegeben, die er in der Renaissance (seit ca. 1480) hatte. Sie ver­mit­telt einen Ein­druck von Leich­tig­keit; ein Spiel mit geo­­metri­schen Mustern an den Pfei­lern in den Tönen weiß, grau und rot. 

Der Turm

Die Namen der Bau­meister, die das Kirchen­schiff erbaut haben, sind  nicht bekannt. Hin­gegen ist der Name des wich­tig­sten Bau­meisters des Tur­mes über­liefert: Hans Ruten­stein aus Hildes­heim. Er hat auch am Bau der Andreas­kirche in Hildes­heim und beim Turm­bau der Andreas­kirche in Braun­schweig mit­ge­wirkt.

 

Der Bau des aus Sand­stein er­rich­te­ten Turmes dauerte von 1427 bis 1433 und ist, den Ten­den­zen der dama­li­gen Zeit ent­sprechend, als hoher Einzel­turm (72 m) aus­ge­führt. Die 1459 auf­ge­setz­te hölzer­ne Turm­spitze mit Kupfer­eindeckung wurde mehr­fach durch Blitz­schläge be­schä­digt. 1555 brannte der Turm bis zum untersten Ge­wöl­be aus; auch die Portal­halle stürzte dabei ein.
Während der Turm bald nach dem Brand durch einen Fach­werk­auf­satz und eine so­ge­nann­te „welsche Haube“ wieder ge­schlos­sen wurde, ist die Portal­halle erst 1881 wieder auf­gebaut worden. Die letzten Reno­vie­run­gen des Tur­mes erfolgten 1933–1943 und 2009–2014. Der vor 1400 aus­ge­führ­te Turm­unter­bau ist ein frühes Bei­spiel einer Ein­turm­fassade mit West­portal­halle. Nach Westen hin wird er von zwei mäch­tigen Strebe­pfeilern be­herrscht, zwischen denen sich die Vor­halle wölbt. In ihr befindet sich das reich pro­filier­te West­portal, dessen Farb­fassung 1990/91 nach auf­ge­fun­de­nen Farb­resten aus der Renaissance-Zeit wieder­her­gestellt wurde. Über dem Spitz­bogen ist ein Christus­kopf an­ge­bracht. Die an den Stirn­seiten der Strebe­pfeiler sitzen­den Fialen (Kreuz­blumen­türm­chen) werden von Kon­solen getragen, die unten jeweils mit einer von groß­lappigen Blüten um­ge­be­nen Büste ab­schließen. Sie lassen den Ein­fluss der Prager Bau­schule des Peter Parler er­ken­nen.
Der äußere Bogen der Portal­halle läuft nach oben in einen mit Kriech­blumen und einer Kreuz­blume ge­schmück­ten Drei­ecks­gie­bel aus. Er wirkt wie eine Vor­weg­nahme der großen Drei­ecks­giebel, mit denen der West­teil der Kirche in den Turm über­geht.
Aus dem hohen vier­eckigen Sockel des Turmes steigt in drei weiteren Ge­schossen der acht­eckige Turm empor. Ein weit aus­la­den­des, stark profilier­tes Kranz­gesims mit weit vor­ragen­den Wasser­speiern leitet in das dritte Turm­geschoss über. Dieses zeigt eben­falls hohe gotische Maß­werk­fenster und schließt nach oben mit einem ein­fache­ren Sims ab.

Der gedrun­gene Fach­werk­teil trägt die schon erwähnte Barock­haube. Die Spitze des Turmes bildet eine so­ge­nann­te „Laterne“, in der sich früher die 1423 ge­gos­sene Glocke befand.

Die Glocken

Im zwei­ten Turm­geschoss steht der Glocken­stuhl mit fünf Läute­glocken. Die älteste stammt von 1423; die übrigen vier wurden 1968 von der Glocken­gieße­rei Rincker in Sinn ge­gos­sen. In den nächsten Stock­wer­ken be­fin­den sich die Bet­glocke von 1636 und ein Glocken­spiel mit 14 Glocken. 

Anders als die Läute­glocken wer­den sie mit Klöppeln, die über Dräh­te mit dem „Stocken­klavier“ (Spiel­tisch des Glocken­spielers) ver­bun­den sind, an­ge­schla­gen. 

 

Der Altar von 1402

Der St.-Jacobi-Altar ist ein Beispiel für einen be­son­ders reich aus­ge­stat­te­ten Flügel­altar. Die Künstler, die ihn ge­schaffen haben, sind un­be­kannt. Sie werden darum mit dem Not­namen „Die Meister des Jacobialtars“ be­zeich­net. Dank seiner doppel­ten Flü­gel hat der Altar drei ver­schie­de­ne An­sich­ten: eine so­ge­nann­te Werk­tags-, eine Sonn­tags- und eine Fest­tags­seite.

 

Sind die Flügel ge­schlos­sen (zu sehen in der Advents­zeit und den beiden Passions­wochen vor Ostern), so ist die Werk­tags­seite zu sehen. Sie zeigt in acht Bil­dern Szenen aus dem Le­ben des Jako­bus.

 

 

Ist der Altar ganz ge­öff­net, zeigt sich die sog. Fest­tags­seite (zu sehen in der Weih­nachts­zeit bis zum Letz­ten Sonn­tag nach Epi­pha­nias und in der Oster­zeit bis Pfingsten) mit ihren ver­gol­de­ten plasti­schen Dar­stel­lun­gen. Ihre Sockel­zone be­steht aus dich­tem Ranken­werk. Die Mittel­figur, Christus als Schmerzens­mann, ist links und rechts von je sechs alt­testa­ment­li­chen Prophe­ten um­geben. Ihre Namen sind auf ge­schwun­ge­nen Spruch­bändern zu lesen. Darüber stehen paar­weise unter Bal­dachi­nen sech­zehn Hei­li­gen­figuren; in ihrer Mitte, auf einer Bank sitzend, Christus und Maria. Die Hei­li­gen sind sowohl durch ihre tradi­tio­nel­len Attri­bute wie auch durch ihre auf der un­te­ren Rand­leiste ver­zeich­ne­ten Namen ge­kenn­zeich­net, von rechts nach links: die hei­li­ge Doro­thea mit ihrem Körb­chen, Maria Mag­da­le­na mit dem Salben­gefäß, Bischof Niko­laus mit roter Mitra und Bischofs­stab, der un­gläu­bi­ge Thomas mit Buch und Lanze, Bar­tho­lo­mäus mit dem Mes­ser, die Apostel Paulus mit Buch und Schwert, Petrus mit Buch und Schlüs­sel, Jako­bus der Jün­gere (hier irr­tüm­lich als der Ältere bezeichnet) mit Walker­stange und Buch, Christus und Maria; Jako­bus der Ältere (hier der Jün­gere genannt) mit Buch und Wander­stab, Johan­nes mit Kelch, Matthäus mit Helle­barde und Buch, Andreas mit einem Schräg­kreuz, Matthias mit Buch und Beil, Bischof Martin mit roter Mitra und Bischofs­stab, Katha­rina von Alexan­drien mit Krone und Rad und Elisa­beth von Thürin­gen mit der Brot­schale. Auf­fal­lend ist, dass in der Mitte nicht die sonst üb­liche Kreu­zi­gungs­gruppe er­scheint, sondern die ge­krönte Maria neben dem seg­nen­den Christus sitzt, ein Zeichen für den gerade im 15. Jh. auf­blühen­den Marien­kult. Maria ist in beten­der Hal­tung mit auf der Brust ge­kreuz­ten Armen dar­ge­stellt, einer Demuts­gebärde. Im Gesamt­entwurf dieser Seite des Altars ist eine von unten nach oben ver­lau­fen­de Stei­ge­rung spür­bar. Ihren Höhe­punkt er­reicht die Be­we­gung in den Bal­dachi­nen. Während der mitt­lere Baldachin in einen Kiel­bogen mündet, zeigen die sich anschließenden Bal­dachi­ne Rund- und Spitz­bogen.

 

Die so­ge­nann­te Sonntags­seite (zu sehen in den fest­losen Zeiten des Kirchen­jahres) besteht aus sech­zehn reich aus­ge­stal­te­ten Tafel­bildern, die die Kind­heits- und Leidens­geschichte Jesu dar­stel­len. Auf dem unteren Rande gibt eine latei­nische Ins­chrift Aus­kunft über das Datum der Ent­stehung (übersetzt): „Im Jahr des Herrn 1402 am Tag vor dem Fest des heili­gen Bischofs Martin [am 10. Novem­ber] wurde dieses Werk voll­endet, das ge­schaf­fen wurde zur Ehre Jesu Christi und seiner Mutter, der glor­reichen Jung­frau Maria, des hei­li­gen Jako­bus, des hei­li­gen Christo­phorus und des hei­li­gen Eustachius und Johan­nes des Täufers“. Allen Bildern ge­mein­sam ist der ver­gol­de­te Hinter­grund, ferner die Decke mit einem Waffel­muster und der mit Fliesen aus­ge­leg­te Fuß­boden. Deutlich er­kenn­bar sind die Anfänge per­spek­ti­vi­scher Malerei. Bestim­mend ist die so­ge­nann­te „zweite böhmische Schule“. Doch auch der von West­deutsch­land her­kom­men­de neuere Stil mit seiner weiche­ren Linien­führung und der Aus­run­dung der Figuren wird schon er­kenn­bar.

 

Der Taufstein

Der aus dem 17. Jahr­hun­dert stam­men­de Tauf­stein trägt auf der Tauf­schale die Jahres­zahl 1643. Er wurde gegen Ende des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieges nach dem Teil­friedens­schluss der Welfen mit dem Kaiser in Braun­schweig (1642) ge­stif­tet, ver­mut­lich als Ersatz für ein im Krieg ent­wen­de­tes Bronze­tauf­becken, das für den Guss von Kano­nen ein­ge­schmol­zen worden war.

 

Die Fenster im Altar­raum

Die Fenster im Chor­raum wurden im Zuge einer um­fang­rei­chen Neu­ge­stal­tung der Kirche 1900/01 ge­schaf­fen von der Glas­mal­werk­statt Hen­ning & Andres in Han­nover. In der Aus­wahl der Motive waren die Ver­ant­wort­lichen be­strebt, über dem mittel­alter­lichen Altar von 1402 ein „typisch evange­lisches“ Programm dar­zu­stellen.

 

Das Kreu­zi­gungs­fenster in der Mittel­achse der Kirche über­nimmt die Auf­gabe eines zwei­ten Altar­bildes. Es kor­ri­giert ge­wisser­maßen das mittel­alter­liche Retabel, dessen Marien­frömmig­keit den Restau­ra­toren im 19. Jahr­hun­dert zu „katho­lisch“ schien. Die Kreu­zi­gung ist ein typisch luthe­ri­sches Altar­bild­motiv. Das Kreuz selbst ist grün und er­innert an den Baum des Lebens. Links unten faltet Maria die Hände zum Ge­bet. Er­geben betet gegen­über auch der Jünger Johan­nes. Vor ihm kniet Maria Magda­lena mit einem Salb­gefäß. Un­ge­wöhn­lich ist die Er­gän­zung durch eine vierte Person. Der Haupt­mann unter dem Kreuz zeigt mit seiner Rechten auf den ge­kreu­zig­ten Christus und er­kennt vor allen an­de­ren: „Wahr­lich, dieser Mensch ist Gottes Sohn ge­we­sen!“ Er ist gleich­sam der Erste, der an den Ge­kreu­zig­ten glaubt.
Der Tod Christi gilt evange­lischer Frömmig­keit als allei­ni­ger Schlüssel zum Heil der Men­schen, an dem die Christen im Abend­mahl An­teil ge­win­nen. Daran er­innern die bei­den Engel unter dem Quer­balken des Kreuzes. Sie fangen mit ihren Kel­chen das Blut auf, das aus den Wun­den Christi fließt. Dieses Motiv ver­bin­det die Kreu­zi­gung mit dem Abend­mahl, das im Altar­raum im An­gesicht dieses Fensters ge­feiert wird. Der Pelikan im obe­ren Maß­werk ist ein Christus­symbol:
Nach alt­kirch­li­cher Mytho­logie öffnet er mit seinem Schnabel seine Brust und nährt seine drei Jungen im Nest mit leben­spenden­dem Blut.
Das linke Fenster zeigt den zwölf­jähri­gen Jesus im Jeru­sa­le­mer Tempel (Lukas­evange­lium 2,41–52). Er trägt ein kost­ba­res, weißes Ge­wand. Da­durch wird die priester­liche Hoheit des gött­li­chen Kindes be­tont. Um ihn scharen sich Schrift­gelehr­te mit über­wie­gend nach­denk­lichen Ge­sich­tern. Oben links be­treten Maria und Josef den Raum, die ihren Sohn drei Tage ver­geb­lich ge­sucht haben. Für lutheri­sches Selbst­ver­ständ­nis spielt dieses Motiv von An­fang an eine be­deu­ten­de Rolle, denn es zeigt Jesus bei der Aus­le­gung der Heiligen Schrift.
Das rechte Fenster zeigt den auf­erstan­de­nen Christus auf dem Weg nach Emmaus (Lukas­evange­lium 24, 13–35). Nach Kreu­zi­gung und Auf­erstehung tritt Christus „incognito“ zu zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus. Erst als er dort mit ihnen zu Tisch sitzt und wie am Abend vor sei­nem Tod das Brot bricht, er­ken­nen sie ihn.
Das Fenster zeigt je­doch nicht die­ses Mahl, sondern den Gang nach Emmaus. Der Auf­erstan­de­ne er­scheint – wie in der Dar­stel­lung des Zwölf­jährigen im Tempel – als die Schrift aus­legen­der Lehrer und er­klärt den beiden Jüngern aus den Büchern der Prophe­ten den Sinn seines Todes. Was den bei­den ver­bor­gen ist, ist dem Be­trach­ter deut­lich: Der Auf­erstan­de­ne ist an seinen Wund­malen und an seinem Kreuz­nimbus zu er­ken­nen. An­ge­kom­men in Emmaus, lädt der als Wan­de­rer mit Stab und Kale­basse dar­gestell­te Jünger Christus in das Haus ein, und der andere be­kräf­tigt diese Ein­ladung. Im Hinter­grund deutet der ge­rötete Him­mel auf die abend­liche Tages­zeit. Rechts im Hinter­grund ist Jeru­sa­lem als nord­alpine, mittel­alter­liche Stadt dar­gestellt. Rechts er­kennt man im Mittel­grund die beiden Jünger auf den Weg nach Emmaus.
In den beiden Fenstern der nörd­lichen Längs­wand des Chor­raumes sind die vier Evan­ge­listen dar­ge­stellt (nur vom Altar­raum aus zu be­trach­ten). Jeweils zwei teilen sich ein Fenster: Matthäus und Markus sowie Lukas und Johan­nes. Sie halten ihre Evan­ge­lien­bücher in den Händen. Über ihnen er­schei­nen unter Balda­chinen die Evan­ge­listen­symbole mit deren Namen.

Die Reformations­fenster

Die beiden figür­lich­en Fenster im süd­li­chen Seiten­schiff er­in­nern an Er­eig­nis­se der Göttin­ger Refor­ma­tions­geschich­te 1529/30. Das linke zeigt, wie luthe­risch ge­sinn­te Wollen­weber eine Bitt­prozes­sion der Alt­gläu­bi­gen am Bar­tho­lo­mäus­tag 1529 stören. Das rechte Fenster über dem Süd­portal zeigt die Ver­lesung der Göttin­ger Kirchen­ordnung am Palm­sonn­tag 1530 in der St.-Jacobi-Kirche. 

Der Anlass für die Pro­zes­sion, eine Fieber­epide­mie mit zahl­reichen Toten, ist im Hinter­grund an­ge­deu­tet: Männer tragen einen Sarg aus dem Haus. Auf der linken Bild­hälfte wenden die Pro­zes­sions­teil­nehmer dem Be­trach­ter den Rücken zu und treten ab. Es sind vor allem Mönche, zu er­ken­nen an den rasier­ten Hinter­köpfen (Tonsur). Unter einem Bal­da­chin führen sie eine Monstranz sowie Kerzen mit sich. Vor und hinter dem Bal­da­chin werden Pro­zes­sions­fahnen ge­tra­gen. Auf der hin­te­ren Fahne ist eine Madon­na im Strah­len­kranz zu sehen. Die luthe­ri­schen Wollen­weber richten sich nicht gegen die Pro­zes­sion, sondern wenden sich dem Be­trach­ter im Kirchen­raum zu: breit­beinig, mit ge­fal­te­ten Händen und den Blick zum Him­mel ge­rich­tet. Aus ihren offenen Mündern er­klingt der Luther­choral „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“, dar­ge­stellt in viel­fach ge­wun­de­nen, auf­steigen­den Schrift­bändern. Das rechte Fenster über dem Süd­portal zeigt die Ver­lesung der Göttin­ger Kirchen­ordnung am Palm­sonn­tag 1530 in der St.-Jacobi-Kirche. Martin Luther selbst, der nie in dieser Kirche war, steht auf der Kanzel und ver­liest die neue evan­ge­li­sche Ord­nung für das kirch­liche Leben in Göttin­gen. Unter der Kanzel und auf den Em­poren schart sich die Ge­mein­de, darunter histo­ri­sche Persön­lich­keiten der Refor­ma­tions­zeit, aber auch der Gegen­wart um 1901, z. B. der da­ma­li­ge Jacobi­pastor Karl Kayser. Der Kirchen­raum wird so ge­zeigt, wie er 1901 her­gestellt wurde. Anders als heute befand sich die Kanzel auf der gegen­über­liegen­den Seite und die beiden Seiten­schiffe waren mit Em­poren aus­gestat­tet. Auch wenn manche trei­ben­den Kräfte der refor­ma­to­ri­schen An­fänge im 16. Jahr­hundert es anders er­hofft haben mögen, konnte sich die Refor­ma­tion nur durch­setzen, weil sie die Obrig­keit ein­bezog. So zeigt auch das Fenster eine wich­ti­ge refor­ma­tions­geschicht­liche Facette, indem es Herzo­gin Elisa­beth und darunter ihre lei­ten­den Geist­lichen, den General­super­inten­den­ten Anto­nius Cor­vinus und den ersten Göttin­ger Super­inten­den­ten Johann Sutel über der Haupt­szene dar­stellt. 

Das Gedenk­fenster im West­werk

Das Fenster wurde am Toten­sonn­tag 1925 ein­ge­weiht. Der Glas­maler Hubert Henning ver­wandte be­son­de­re Sorg­falt, wenn auch in idea­li­sier­ter Form, Kriegs­reali­tät dar­zu­stel­len: im Hinter­grund ent­laubte Baume nach einem Gift­gas­einsatz und ein zer­stör­tes Haus, im Vorder­grund das Wagen­rad einer zer­stör­ten Hau­bitze, dazu die detail­getreue Wieder­gabe einer Uni­form aus der Anfangs­zeit des Ersten Welt­kriegs. Die Intention ­des Fensters be­schreibt der Glas­maler so: „Bei dem Krieger habe ich mit Absicht nicht das Sterbens-Moment gewählt, weil dieses auf etwas sensible Nerven der Kirchen­besucher auf die Dauer auf­regend wirken dürfte. Ich dachte mehr an die Wieder­erweckung und Auf­nahme in das himm­li­sche Reich, welche auf die Leid­tragen­den tröstend wirken dürfte, wenn sie ihrer Gefal­le­nen ge­den­ken und deren Namen lesen.“

 

 

Die Kanzel von 1901

Die Kanzel­archi­tek­tur schuf der Göttin­ger Tisch­ler­meister Hein­rich Ahl­brecht (1865–1944) im Zuge der großen Innen­sanie­rung, bei der auch die Chor­raum­fenster und die Fenster im Süd­schiff ent­stan­den sind. Ledig­lich die Figu­ren am Kanzel­korb wurden dem Han­no­ve­ra­ner Bild­hauer Theodor Maßler (1844–1910) über­tragen. Er schuf in Er­gän­zung zu den Evan­ge­listen­fenstern im Altar­raum jene vier Apostel, die die Briefe des Neuen Testa­men­tes ge­schrie­ben haben: Petrus, Johan­nes, Jako­bus und Paulus. In ihrer Mitte, der Ge­mein­de zu­ge­wandt, steht der segnen­de Christus und am äußeren Rand Martin Luther.
Für die Apostel nahm Maßler die Figu­ren vom Sebaldus­grab in Nürn­berg aus dem frühen 16. Jahr­hun­dert zum Vor­bild, für Luther das Refor­ma­tions­denk­mal in Worms von 1868. Anders als heute stand die Kanzel ur­sprüng­lich auf der Süd­seite und damit gegen­über den Evan­ge­listen­fenstern. Sie war ur­sprüng­lich holz­sichtig und mit einem reich ge­stal­te­ten Schall­deckel ver­sehen, wie im Refor­ma­tions­fenster über dem Süd­portal zu sehen ist.

 

 

Die Schreiter-Fenster zu Psalm 22

Im nörd­lichen Seiten­schiff der St.-Jacobi-Kirche wurde 1997/98 ein Zyklus von fünf Farb­fenstern zum 22. Psalm nach Ent­würfen von Johan­nes Schreiter ein­ge­setzt (ein er­gän­zen­des, sechstes Fenster 2004/05). Schreiter malt keine gegen­ständ­liche Geschich­te, son­dern über­setzt den Psalm in seine ab­strak­te Bild­sprache. Die fol­gen­den Beobach­tun­gen sollen zu­sam­men mit den Bibel­texten erste Zu­gänge zu Schreiters Bilder­sprache er­schlie­ßen. 

 

Das erste Fenster wird bestimmt von einem schwarz­blauen „Tuch“. Oben kann man Sterne er­ken­nen. Das Fenster er­in­nert an die Nacht, in der Gott nicht hört und ant­wor­tet und der Beter keine Ruhe findet („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich ver­las­sen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch ant­wor­test du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.“).


Im zweiten Fenster scheint ein dunkel­graues „Rollo“ (im ersten Fenster be­reits unten an­ge­deu­tet) hoch­gezo­gen worden zu sein. Das Dunkel­grau er­in­nert an Staub und Tod („Meine Kräfte sind ver­trock­net wie eine Scherbe, und du legst mich in des Todes Staub.“).


Im dritten Fenster wird vor das schwarz­blaue „Tuch“ des ersten Fensters von oben herab ein neues „Tuch“ gehängt in der Farbe „Morgen-Rot“ (Magenta). Darüber hängt ein weißes „Tuch“. Weiß ist in diesen Fenstern wie die Farbe Rot eine „Gottes-Farbe“ („Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen! Du hast mich er­hört!“).


Das vierte Fenster wird be­stimmt von einer Grund­riss­zeich­nung in der linken Fenster­hälfte. Diese Zeich­nung weist hin auf das Ge­wölbe im Nord­schiff der St.-Jacobi-Kirche und er­in­nert an  die Ge­mein­de, die sich hier in der Kirche ver­sam­melt („Ich will deinen Namen kund­tun meinen Brü­dern, ich will dich in der Ge­mein­de rühmen: als er zu ihm schrie, hörte er’s. Dich will ich preisen in der großen Ge­mein­de.“). 


Im fünften Fenster hängt ein großes „Tuch“ in einer Farbe, die aus­sieht, als hätte man die Tücher des zwei­ten und drit­ten Fensters über­einander ge­hängt. Die immer wieder­kehren­de „L-Form“ (in der linken Fenster­hälfte seiten­verkehrt) er­in­nert an die Körper­haltung eines knienden Beters 
(„Ihn allein werden an­beten alle, die in der Erde schlafen; vor ihm werden die Knie beugen alle, die zum Staube hinab fuhren und ihr Leben nicht konnten er­halten.“).


Der Fenster­zyklus zu den fünf „Strophen“ des Psalms führt hin zum Crucifixus an der Ost­wand des Seiten­schiffes („Corpus Christi“), ge­schaf­fen von Joachim Dunkel. Der ge­kreu­zig­te Christus hat den 22. Psalm im Sterben ge­betet.

 

Grab­platten und Gedenk­tafeln

Die St.-Jacobi-Kirche war über viele Jahr­hun­der­te nicht nur ein Ort der Leben­den, sondern zu­gleich auch Grab­lege. Nicht nur auf dem Kirch­hof wurden Tote be­stattet, sondern in der Kirche selbst. Der Fuß­boden der Kirche – im Mittel­alter noch ohne Bänke – war ge­pflastert mit Grab­platten. Mittel­alter­liche Steine sind nicht mehr er­hal­ten; sie wurden 1530 für den Aus­bau der Stadt­mauer und des Deiches am Groner Tor ver­wen­det. 

1717 wurde ein Ver­zeich­nis sämt­licher Grab­legen in der Kirche er­stellt, das seit ca. 1600 etwa 200 Bei­setzun­gen in Altar­raum und Kirchen­schiff doku­men­tiert. Ab Mitte des 18. Jahr­hun­derts wurde die Bei­setzung auf Kirch­höfen und in Kirchen als un­hygie­nisch be­trach­tet und ein­ge­stellt, und man ver­lagerte die Begräb­nis­stätten aus der Stadt heraus. So ent­stand 1747 vor den Mauern der Stadt der Bar­tho­lo­mäus­fried­hof an der Weender Land­straße. 

Im Laufe der fol­gen­den Jahr­zehnte wurden die meisten Grab­platten aus der Kirche ent­fernt. Sieben Grab­platten und Gedenk­tafeln, die an den Wänden hängend an Ver­storbe­ne er­in­ner­ten, sind bis heute in der Kirche zu sehen.

Besondere Be­ach­tung ver­dient die Grab­platte der Ehe­frau Albrecht von Hallers (1708–1777) an der nörd­lichen Innen­wand. Der be­deu­ten­de Schweizer Medi­zi­ner, Bota­niker und Dichter lehrte von 1736 bis 1753 an der Univer­si­tät Göttin­gen. Als er 1736 mit seiner Frau Marianne geb. Wyss und drei Kindern nach Göttin­gen an­reiste, stürzte seine Frau beim Ein­fahren in die Stadt aus dem Wagen und starb einen Monat später. Die latei­ni­sche Inschrift, ins Deutsche über­setzt, er­in­nert bis heute an diesen tra­gi­schen Tod: „Nach­dem sie das Vater­land zurück­gelassen und ihrem Mann gefolgt war, fand hier das Ende ihrer Reise Mariana Haller, Tochter des Samuel Wyss, des Herrn zu Mathod und la Motte. Sie lebte 25 Jahre und 7 Monate. Sie gebar Mar(ia)na, Ludwig Albert und Gottlieb Emanuel, die alle noch leben. Nach Göttin­gen kam sie am 30. Sep­tem­ber, sie starb am 31. Okto­ber des­selben Jahres 1736. Den Stein setzte der hoch­betrüb­te Ehe­mann Dr. Albertus Haller, ordent­licher, öffent­licher Professor der Medizin, Anatomie, Botanik. Diesen betraure, die Selige be­darf nicht der Tränen.“

 

Literatur über die Jacobi­kirche

Karl Arndt, Johannes Schreiter: Glasfenster-Entwürfe zu Psalm 22 für St. Jacobi in Göttingen, Göttinger Jahrbuch 45 (1997), S. 5–12. – Dirk Tiedemann (Hg.), Im Inneren das Gold des Himmels. Der Flügelaltar der Göttinger St. Jacobi-Kirche, Göttingen 2002. – Bernd Carqué und Hedwig Röckelein (Hg.), Das Hochaltarretabel der St. Jacobi-Kirche in Göttingen, Göttingen 2005. – Bettina Kratz-Ritter (Hg.), Festschrift zur Wiedereinweihung der renovierten Paul-Ott-Orgel St. Jacobi Göttingen Pfingsten 2007, Göttingen 2007. – Karl Heinz Bielefeld, Orgeln und Orgelbauer in Göttingen, Berlin 2007. – Yvonne Besser, Religiöse Bildsprache der nichtfigurativen Moderne. Der Fensterzyklus zu Psalm 22 von Johannes Schreiter in der Jacobikirche Göttingen, Frankfurt a. M. 2009. – Christian Scholl, Zukünftige Vergangenheit: Conrad Wilhelm Hase und die Restaurierung der Göttinger Jacobikirche 1880–1901, in: Göttinger Jahrbuch 58 (2010), S. 79–112. – Rainer Kahsnitz, Das Hochaltarretabel in St. Jacobi zu Göttingen, in: Thomas Noll und Carsten-Peter Warncke (Hg.), Kunst und Frömmigkeit in Göttingen. Die Altarbilder des späten Mittelalters, Berlin-München 2012, S. 45–82. – Bettina Achsel, Anmerkungen zu zeichnerischen Werketappen der Jakobus-Szenen auf dem Göttinger Jacobi-Retabel, in: Thomas Noll und Carsten-Peter Warncke (Hg.), Kunst und Frömmigkeit in Göttingen. Die Altarbilder des späten Mittelalters, Berlin-München 2012, S. 83–98. – Das Rechnungs- und Kopialbuch der Kirche St. Jacobi in Göttingen 1416–1603. Einführung und Edition, bearbeitet von Josef Dolle, Bielefeld 2014. – Klara Wagner und Anna Luisa Walter, St. Jacobi, in: Jens Reiche und Christian Scholl (Hg.), Göttinger Kirchen des Mittelalters, Göttingen 2015, S. 151–195. – Harald Storz, Die Grabplatten in St. Jacobi, Göttingen 2015. – Christian Scholl und Harald Storz, Sichtlich evangelisch. Die Glasfenster der Jacobikirche in Göttingen von 1900/01, Göttingen 2017.

 

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