Gründungsgeschichte
Die Kirche St. Jacobi in Göttingen wurde an der alten Heerstraße errichtet, die von Norden nach Süden führt. Damit sollte Reisenden und insbesondere Pilgern auf dem Weg zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela (Spanien) Gelegenheit geboten werden, in der Kirche zu beten.
Die erste Jacobikirche wurde um 1200 durch den Welfenherzog Heinrich den Löwen (um 1130-1195) oder durch seinen Sohn Heinrich (V.), d. Älteren von Braunschweig (1173/74-1227) als Burgkapelle für die neu entstehende Siedlung mit ihren Burgmannenhöfen rund um Ritterplan und Burgstraße errichtet. Dieser Bau, über dessen Aussehen nichts bekannt ist, erwies sich bald als zu klein. Deshalb erteilte Herzog Ernst von Braunschweig-Göttingen
(um 1305-1367) 1350 die Erlaubnis zur Vergrößerung. Eine Inschrift an der rechten Seite der Portalhalle gibt als Beginn des Umbaus das Jahr 1361an. Auf der daneben angebrachten gusseisernen Gedenktafel zum 500. Kirchbaujubiläum ist jene Inschrift nochmals wiedergegeben.
Der Neubau der heutigen Kirche (1361-1402) begann mit der Errichtung des Chorraums, also von Osten nach Westen. Das ist an mehreren stilistischen Merkmalen zu erkennen. So zeigen z.B. die äußeren Gewände der Chorfenster nur glatte Flächen im Gegensatz zu den Hohlkehlen in den Langhausfenstern.
Der Innenraum
Die St. Jacobikirche ist eine gotische Hallenkirche mit einem Mittel- und zwei Seitenschiffen.
Das Gewölbe des Mittelschiffes geht ohne Triumphbogen in den Chorraum über, der nicht nur
dieselbe Breite, sondern auch dieselbe Höhe wie das Mittelschiff hat. Zusammen mit der engen
Pfeilerstellung ergibt sich so eine ausgeprägte Tiefenwirkung. Erwähnenswert sind die
Schlusssteine im Gewölbe des Chorraums, die kunstvolle Verzierungen aufweisen: über dem
Altar das Lamm Gottes mit Siegesfahne, zum Langhaus hin blütenförmiges Blattwerk.
Von Renovierung zu Renovierung wechselte die Kirche ihr Kleid, manchmal auch ihren
Charakter. Die heutige Innenausmalung von 1999 hat dem Raum die Farbfassung wiedergegeben,
die er in der Renaissance (seit ca. 1480) hatte. Sie vermittelt einen Eindruck von Leichtigkeit; ein
Spiel mit geometrischen Mustern an den Pfeilern in den Tönen weiß, grau und rot.
Der Turm
Die Namen der Baumeister, die das Kirchenschiff erbaut haben, sind nicht bekannt. Hingegen ist der Name des wichtigsten Baumeisters des Turmes überliefert:
Hans Rutenstein aus Hildesheim. Er hat auch am Bau der Andreaskirche in Hildesheim und beim Turmbau der Andreaskirche in Braunschweig mitgewirkt.
Der Bau des aus Sandstein errichteten Turmes dauerte von 1427 bis 1433 und ist, den Tendenzen der damaligen Zeit entsprechend, als hoher Einzelturm (72 m) ausgeführt. Die 1459 aufgesetzte hölzerne Turmspitze mit Kupfereindeckung wurde mehrfach durch Blitzschläge beschädigt. 1555 brannte der Turm bis zum untersten Gewölbe aus; auch die Portalhalle stürzte dabei ein.
Während der Turm bald nach dem Brand durch einen Fachwerkaufsatz und eine sogenannte
„welsche Haube“ wieder geschlossen wurde, ist die Portalhalle erst 1881 wieder aufgebaut
worden. Die letzten Renovierungen des Turmes erfolgten 1933-1943 und 2009-2014.
Der vor 1400 ausgeführte Turmunterbau ist ein frühes Beispiel einer Einturmfassade mit
Westportalhalle. Nach Westen hin wird er von zwei mächtigen Strebepfeilern beherrscht,
zwischen denen sich die Vorhalle wölbt. In ihr befindet sich das reich profilierte Westportal,
dessen Farbfassung 1990/91 nach aufgefundenen Farbresten aus der Renaissance-Zeit
wiederhergestellt wurde. Über dem Spitzbogen ist ein Christuskopf angebracht. Die an den
Stirnseiten der Strebepfeiler sitzenden Fialen (Kreuzblumentürmchen) werden von Konsolen
getragen, die unten jeweils mit einer von großlappigen Blüten umgebenen Büste abschließen. Sie lassen den Einfluss der Prager Bauschule des Peter Parler erkennen.
Der äußere Bogen der Portalhalle läuft nach oben in einen mit Kriechblumen und einer
Kreuzblume geschmückten Dreiecksgiebel aus. Er wirkt wie eine Vorwegnahme der großen
Dreiecksgiebel, mit denen der Westteil der Kirche in den Turm übergeht.
Aus dem hohen viereckigen Sockel des Turmes steigt in drei weiteren Geschossen der achteckige Turm empor. Ein weit ausladendes, stark profiliertes Kranzgesims mit weit vorragenden Wasserspeiern leitet in das dritte Turmgeschoß über. Dieses zeigt ebenfalls hohe gotische Maßwerkfenster und schließt nach oben mit einem einfacheren Sims ab.
Der gedrungene Fachwerkteil trägt die schon erwähnte Barockhaube. Die Spitze des Turmes bildet eine sogenannte „Laterne“, in der sich früher die 1423 gegossene Glocke befand.
Die Glocken
Im zweiten Turmgeschoss steht der Glockenstuhl mit fünf Läuteglocken. Die älteste stammt von 1423; die übrigen vier wurden 1968 von der Glockengießerei Rincker in Sinn gegossen. In den nächsten Stockwerken befinden sich die Betglocke von 1636 und ein Glockenspiel mit 14 Glocken.
Anders als die Läuteglocken werden sie mit Klöppeln, die über Drähte mit dem „Stockenklavier“ (Spieltisch des Glockenspielers) verbunden sind, angeschlagen.
Der Altar von 1402
Der St. Jacobi-Altar ist ein Beispiel für einen besonders reich ausgestatteten Flügelaltar. Die Künstler, die ihn geschaffen haben, sind unbekannt. Sie werden darum mit dem Notnamen „Die Meister des Jacobialtars“ bezeichnet. Dank seiner doppelten Flügel hat der Altar drei verschiedene Ansichten: eine sogenannte Werktags-, eine Sonntags- und eine Festtagsseite.
Sind die Flügel geschlossen (zu sehen in der Adventszeit und den beiden Passionswochen vor Ostern), so ist die Werktagsseite zu sehen. Sie zeigt in acht Bildern Szenen aus dem Leben des Jakobus.
Ist der Altar ganz geöffnet, zeigt sich die sog. Festtagsseite (zu sehen in der Weihnachtszeit bis zum Letzten Sonntag nach Epiphanias und in der Osterzeit bis Pfingsten) mit ihren vergoldeten plastischen Darstellungen. Ihre Sockelzone besteht aus dichtem Rankenwerk. Die Mittelfigur,
Christus als Schmerzensmann, ist links und rechts von je sechs alttestamentlichen Propheten umgeben. Ihre Namen sind auf geschwungenen Spruchbändern zu lesen. Darüber stehen paarweise unter Baldachinen sechzehn Heiligenfiguren; in ihrer Mitte, auf einer Bank sitzend, Christus und Maria. Die Heiligen sind sowohl durch ihre traditionellen Attribute wie auch durch ihre auf der unteren Randleiste verzeichneten Namen gekennzeichnet, von rechts nach links: die heilige Dorothea mit ihrem Körbchen, Maria Magdalena mit dem Salbengefäß, Bischof Nikolaus mit roter Mitra und Bischofsstab, der ungläubige Thomas mit Buch und Lanze, Bartholomäus mit dem Messer, die Apostel Paulus mit Buch und Schwert, Petrus mit Buch und Schlüssel, Jakobus der Jüngere (hier irrtümlich als der Ältere bezeichnet) mit Walkerstange und Buch, Christus und Maria; Jakobus der Ältere (hier der Jüngere genannt) mit Buch und Wanderstab, Johannes mit Kelch, Matthäus mit Hellebarde und Buch, Andreas mit einem Schrägkreuz, Matthias mit Buch und Beil, Bischof Martin mit roter Mitra und Bischofsstab, Katharina von Alexandrien mit Krone und Rad und Elisabeth von Thüringen mit der Brotschale. Auffallend ist, dass in der Mitte nicht die sonst übliche Kreuzigungsgruppe erscheint, sondern die gekrönte Maria neben dem segnenden Christus sitzt, ein Zeichen für den gerade im 15. Jh. aufblühenden Marienkult. Maria ist in betender Haltung mit auf der Brust gekreuzten Armen dargestellt, einer Demutsgebärde. Im Gesamtentwurf dieser Seite des Altars ist eine von unten nach oben verlaufende Steigerung spürbar. Ihren Höhepunkt erreicht die Bewegung in den Baldachinen. Während der mittlere Baldachin in einen Kielbogen mündet, zeigen die sich anschließenden Baldachine Rund- und Spitzbogen.
Die sogenannte Sonntagsseite (zu sehen in den festlosen Zeiten des Kirchenjahres) besteht aus sechzehn reich ausgestalteten Tafelbildern, die die Kindheits- und Leidensgeschichte Jesu darstellen. Auf dem unteren Rande gibt eine lateinische Inschrift Auskunft über das Datum der
Entstehung (übersetzt): „Im Jahr des Herrn 1402 am Tag vor dem Fest des heiligen Bischofs Martin [am 10. November] wurde dieses Werk vollendet, das geschaffen wurde zur Ehre Jesu Christi und seiner Mutter, der glorreichen Jungfrau Maria, des heiligen Jakobus, des heiligen
Christophorus und des heiligen Eustachius und Johannes des Täufers“. Allen Bildern gemeinsam ist der vergoldete Hintergrund, ferner die Decke mit einem Waffelmuster und der mit Fliesen ausgelegte Fußboden. Deutlich erkennbar sind die Anfänge perspektivischer Malerei. Bestimmend ist die sogenannte „zweite böhmische Schule“. Doch auch der von Westdeutschland herkommende neuere Stil mit seiner weicheren Linienführung und der Ausrundung der Figuren wird schon erkennbar.
Der Taufstein
Der aus dem 17. Jahrhundert stammende Taufstein trägt auf der Taufschale die Jahreszahl 1643. Er wurde gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges nach dem Teilfriedensschluss der Welfen mit dem Kaiser in Braunschweig (1642) gestiftet, vermutlich als Ersatz für ein im Krieg entwendetes Bronzetaufbecken, dass für den Guss von Kanonen eingeschmolzen worden war.
Die Fenster im Altarraum
Die Fenster im Chorraum wurden im Zuge einer umfangreichen Neugestaltung der Kirche 1900/01 geschaffen von der Glasmalwerkstatt Henning & Andres in Hannover. In der Auswahl der Motive waren die Verantwortlichen bestrebt, über dem mittelalterlichen Altar von 1402 ein „typisch evangelisches“ Programm darzustellen.
Das Kreuzigungsfenster in der Mittelachse der Kirche übernimmt die Aufgabe eines zweiten Altarbildes. Es korrigiert gewissermaßen das mittelalterliche Retabel, dessen Marienfrömmigkeit den Restauratoren im 19. Jahrhundert zu „katholisch“ schien. Die Kreuzigung ist ein typisch
lutherisches Altarbildmotiv. Das Kreuz selbst ist grün und erinnert an den Baum des Lebens. Links unten faltet Maria die Hände zum Gebet. Ergeben betet gegenüber auch der Jünger Johannes. Vor ihm kniet Maria Magdalena mit einem Salbgefäß. Ungewöhnlich ist die Ergänzung durch eine vierte Person. Der Hauptmann unter dem Kreuz zeigt mit seiner Rechten auf den gekreuzigten Christus und erkennt vor allen anderen: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ Er ist gleichsam der Erste, der an den Gekreuzigten glaubt.
Der Tod Christi gilt evangelischer Frömmigkeit als alleiniger Schlüssel zum Heil der Menschen, an dem die Christen im Abendmahl Anteil gewinnen. Daran erinnern die beiden Engel unter dem Querbalken des Kreuzes. Sie fangen mit ihren Kelchen das Blut auf, das aus den Wunden Christi fließt. Dieses Motiv verbindet die Kreuzigung mit dem Abendmahl, das im Altarraum im Angesicht dieses Fensters gefeiert wird. Der Pelikan im oberen Maßwerk ist ein Christussymbol:
Nach altkirchlicher Mythologie öffnet er mit seinem Schnabel seine Brust und nährt seine drei Jungen im Nest mit lebenspendendem Blut.
Das linke Fenster zeigt den zwölfjährigen Jesus im Jerusalemer Tempel (Lukasevangelium 2,41-52). Er trägt ein kostbares, weißes Gewand. Dadurch wird die priesterliche Hoheit des göttlichen Kindes betont. Um ihn scharen sich Schriftgelehrte mit überwiegend nachdenklichen
Gesichtern. Oben links betreten Maria und Josef den Raum, die ihren Sohn drei Tage vergeblich gesucht haben. Für lutherisches Selbstverständnis spielt dieses Motiv von Anfang an eine bedeutende Rolle, denn es zeigt Jesus bei der Auslegung der Heiligen Schrift.
Das rechte Fenster zeigt den auferstandenen Christus auf dem Weg nach Emmaus (Lukasevangelium 24, 13-35). Nach Kreuzigung und Auferstehung tritt Christus „incognito“ zu zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus. Erst als er dort mit ihnen zu Tisch sitzt und wie am
Abend vor seinem Tod das Brot bricht, erkennen sie ihn.
Das Fenster zeigt jedoch nicht dieses Mahl, sondern den Gang nach Emmaus. Der Auferstandene erscheint – wie in der Darstellung des Zwölfjährigen im Tempel – als die Schrift auslegender Lehrer und erklärt den beiden Jüngern aus den Büchern der Propheten den Sinn
seines Todes. Was den beiden verborgen ist, ist dem Betrachter deutlich: Der Auferstandene ist an seinen Wundmalen und an seinem Kreuznimbus zu erkennen. Angekommen in Emmaus, lädt der als Wanderer mit Stab und Kalebasse dargestellte Jünger Christus in das Haus ein, und der
andere bekräftigt diese Einladung. Im Hintergrund deutet der gerötete Himmel auf die abendliche Tageszeit. Rechts im Hintergrund
ist Jerusalem als nordalpine, mittelalterliche Stadt dargestellt. Rechts erkennt man im Mittelgrund die beiden Jünger auf den Weg nach Emmaus.
In den beiden Fenstern der nördlichen Längswand des Chorraumes sind die vier Evangelisten dargestellt (nur vom Altarraum aus zu betrachten). Jeweils zwei teilen sich ein Fenster: Matthäus und Markus sowie Lukas und Johannes. Sie halten ihre Evangelienbücher in den Händen. Über ihnen erscheinen unter Baldachinen die Evangelistensymbole mit deren Namen.
Die Reformationsfenster
Die beiden figürlichen Fenster im südlichen Seitenschiff erinnern an Ereignisse der Göttinger Reformationsgeschichte 1529/30. Das linke zeigt, wie lutherisch gesinnte Wollenweber eine Bittprozession der Altgläubigen am Bartholomäustag 1529 stören. Das rechte Fenster über dem Südportal zeigt die Verlesung der Göttinger Kirchenordnung am Palmsonntag 1530 in der St. Jacobikirche.
Der Anlass für die Prozession, eine Fieberepidemie mit zahlreichen Toten, ist im Hintergrund angedeutet: Männer tragen einen Sarg aus dem Haus. Auf der linken Bildhälfte wenden die Prozessionsteilnehmer dem Betrachter den Rücken zu und treten ab. Es sind vor allem Mönche, zu erkennen an den rasierten Hinterköpfen (Tonsur). Unter einem Baldachin führen sie eine Monstranz sowie Kerzen mit sich. Vor und hinter dem Baldachin werden Prozessionsfahnen getragen. Auf der hinteren Fahne ist eine Madonna im Strahlenkranz zu sehen. Die lutherischen Wollenweber richten sich nicht gegen die Prozession, sondern wenden sich dem Betrachter im Kirchenraum zu: breitbeinig, mit gefalteten Händen und den Blick zum Himmel gerichtet. Aus ihren offenen Mündern erklingt der Lutherchoral „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“, dargestellt in vielfach gewundenen, aufsteigenden Schriftbändern. Das rechte Fenster über dem Südportal zeigt die Verlesung der Göttinger Kirchenordnung am Palmsonntag 1530 in der St. Jacobikirche. Martin Luther selbst, der nie in dieser Kirche war, steht auf der Kanzel und verliest die neue evangelische Ordnung für das kirchliche Leben in Göttingen. Unter der Kanzel und auf den Emporen schart sich die Gemeinde, darunter historische Persönlichkeiten der Reformationszeit, aber auch der Gegenwart um 1901, z.B. der damalige Jacobipastor Karl Kayser. Der Kirchenraum wird so gezeigt, wie er 1901 hergestellt wurde. Anders als heute befand sich die Kanzel auf der gegenüberliegenden Seite und in den beiden Seitenschiffen waren mit Emporen ausgestattet. Auch wenn manche treibenden Kräfte der reformatorischen Anfänge im 16. Jahrhundert es anders erhofft haben mögen, konnte sich die Reformation nur durchsetzen, weil sie die Obrigkeit einbezog. So zeigt auch das Fenster eine wichtige reformationsgeschichtliche Facette, indem es Herzogin Elisabeth und darunter ihre leitenden Geistlichen, den Generalsuperintendenten Antonius Corvinus und den ersten Göttinger Superintendenten Johann Sutel über der Hauptszene darstellt.
Das Gedenkfenster im Westwerk
Das Fenster wurde am Totensonntag 1925 eingeweiht. Der Glasmaler Hubert Henning verwandte besondere Sorgfalt, wenn auch in idealisierter Form, Kriegsrealität darzustellen: im Hintergrund entlaubte Baume nach einem Giftgaseinsatz und ein zerstörtes Haus, im Vordergrund das Wagenrad einer zerstörten Haubitze, dazu die detailgetreue Wiedergabe einer Uniform aus der Anfangszeit des Ersten Weltkriegs. Die Intention des Fensters beschreibt der Glasmaler so: „Bei dem Krieger habe ich mit Absicht nicht das Sterbens-Moment gewählt, weil dieses auf etwas sensible Nerven der Kirchenbesucher auf die Dauer aufregend wirken dürfte. Ich dachte mehr an die Wiedererweckung und Aufnahme in das himmlische Reich, welche auf die Leidtragenden tröstend wirken dürfte, wenn sie ihrer Gefallenen gedenken und deren Namen lesen.“
Die Kanzel von 1901
Die Kanzelarchitektur schuf der Göttinger Tischlermeister Heinrich Ahlbrecht (1865-1944) im Zuge der großen Innensanierung, bei der auch die Chorraumfenster und die Fenster im Südschiff entstanden sind. Lediglich die Figuren am Kanzelkorb wurden dem Hannoveraner Bildhauer Theodor Maßler (1844-1910) übertragen. Er schuf in Ergänzung zu den Evangelistenfenstern im Altarraum jene vier Apostel, die die Briefe des Neuen Testamentes geschrieben haben: Petrus, Johannes, Jakobus und Paulus. In ihrer Mitte, der Gemeinde zugewandt, steht der segnende Christus und am äußeren Rand Martin Luther.
Für die Apostel nahm Maßler die Figuren vom Sebaldusgrab in Nürnberg aus dem frühen 16. Jahrhundert zum Vorbild, für Luther das Reformationsdenkmal in Worms von 1868. Anders als heute stand die Kanzel ursprünglich auf der Südseite und damit gegenüber den Evangelistenfenstern. Sie war ursprünglich holzsichtig und mit einem reich gestalteten Schalldeckel versehen, wie im Reformationsfenster über dem Südportal zu sehen ist.
Die Schreiter-Fenster zu Psalm 22
Im nördlichen Seitenschiff der St. Jacobikirche wurde 1997/98 ein Zyklus von fünf Farbfenstern zum 22. Psalm nach Entwürfen von Johannes Schreiter eingesetzt (ein ergänzendes, sechstes Fenster 2004/05). Schreiter malt keine gegenständliche Geschichte, sondern übersetzt den Psalm in seine abstrakte Bildsprache. Die folgenden Beobachtungen sollen zusammen mit den Bibeltexten erste Zugänge zu Schreiters Bildersprache erschließen.
Das erste Fenster wird bestimmt von einem schwarzblauen „Tuch“. Oben kann man Sterne erkennen. Das Fenster erinnert an die Nacht, in der Gott nicht hört und antwortet und der Beter keine Ruhe findet („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.“).
Im zweiten Fenster scheint ein dunkelgraues „Rollo“ (im ersten Fenster bereits unten angedeutet) hochgezogen worden zu sein. Das Dunkelgrau erinnert an Staub und Tod („Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und du legst mich in des Todes Staub.“).
Im dritten Fenster wird vor das schwarzblaue „Tuch“ des ersten Fensters von oben herab ein neues „Tuch“ gehängt in der Farbe „Morgen-Rot“ (Magenta). Darüber hängt ein weißes „Tuch“. Weiß ist in diesen Fenstern wie die Farbe Rot eine „Gottes-Farbe“ („Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen! Du hast mich erhört!“).
Das vierte Fenster wird bestimmt von einer Grundrisszeichnung in der linken Fensterhälfte. Diese Zeichnung weist hin auf das Gewölbe im Nordschiff der St. Jacobikirche und erinnert an die Gemeinde, die sich hier in der Kirche versammelt („Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern, ich will dich in der Gemeinde rühmen: als er zu ihm schrie, hörte er's. Dich will ich preisen in der großen Gemeinde.“).
Im fünften Fenster hängt ein großes „Tuch“ in einer Farbe, die aussieht, als hätte man die Tücher des zweiten und dritten Fensters übereinander gehängt. Die immer wiederkehrende „L-Form“ (in der linken Fensterhälfte seitenverkehrt) erinnert an die Körperhaltung eines knienden Beters
(„Ihn allein werden anbeten alle, die in der Erde schlafen; vor ihm werden die Knie beugen alle, die zum Staube hinab fuhren und ihr Leben nicht konnten erhalten.“)
Der Fensterzyklus zu den fünf „Strophen“ des Psalms führt hin zum Crucifixus an der Ostwand des Seitenschiffes („Corpus Christi“), geschaffen von Joachim Dunkel. Der gekreuzigte Christus hat den 22. Psalm im Sterben gebetet.
Grabplatten und Gedenktafeln
Die St. Jacobikirche war über viele Jahrhunderte nicht nur ein Ort der Lebenden, sondern zugleich auch Grablege. Nicht nur auf dem Kirchhof wurden Tote bestattet, sondern in der Kirche selbst. Der Fußboden der Kirche – im Mittelalter noch ohne Bänke – war gepflastert mit Grabplatten. Mittelalterliche Steine sind nicht mehr erhalten; sie wurden 1530 für den Ausbau der Stadtmauer und des Deiches am Groner Tor verwendet.
1717 wurde ein Verzeichnis sämtlicher Grablegen in der Kirche erstellt, das seit ca. 1600 etwa 200 Beisetzungen in Altarraum und Kirchenschiff dokumentiert. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Beisetzung auf Kirchhöfen und in Kirchen als unhygienisch betrachtet und eingestellt, und man verlagerte die Begräbnisstätten aus der Stadt heraus. So entstand 1747 vor den Mauern der Stadt der Bartholomäusfriedhof an der Weender Landstraße.
Im Laufe der folgenden Jahrzehnte wurden die meisten Grabplatten aus der Kirche entfernt. Sieben Grabplatten und Gedenktafeln, die an den Wänden hängend an Verstorbene erinnerten, sind bis heute in der Kirche zu sehen.
Besondere Beachtung verdient die Grabplatte der Ehefrau Albrecht von Hallers (1708-1777) an der nördlichen Innenwand. Der bedeutende Schweizer Mediziner, Botaniker und Dichter lehrte von 1736 bis 1753 an der Universität Göttingen. Als er 1736 mit seiner Frau Marianne geb. Wyss und drei Kindern nach Göttingen anreiste, stürzte seine Frau beim Einfahren in die Stadt aus dem Wagen und starb einen Monat später. Die lateinische Inschrift, ins Deutsche übersetzt, erinnert bis heute an diesen tragischen Tod: „Nachdem sie das Vaterland zurückgelassen und ihrem Mann gefolgt war, fand hier das Ende ihrer Reise Mariana Haller, Tochter des Samuel Wyss, des Herrn zu Mathod und la Motte. Sie lebte 25 Jahre und 7 Monate. Sie gebar Mar(ia)na, Ludwig Albert und Gottlieb Emanuel, die alle noch leben. Nach Göttingen kam sie am 30. September, sie starb am 31. Oktober desselben Jahres 1736. Den Stein setzte der hochbetrübte Ehemann Dr. Albertus Haller, ordentlicher, öffentlicher Professor der Medizin, Anatomie, Botanik. Diesen betraure, die Selige bedarf nicht der Tränen.“
Literatur über die Jacobikirche
Karl Arndt, Johannes Schreiter: Glasfenster-Entwürfe zu Psalm 22 für St. Jacobi in Göttingen, Göttinger Jahrbuch 45 (1997), S. 5-12. – Dirk Tiedemann (Hg.), Im Inneren das Gold des Himmels. Der Flügelaltar der Göttinger St. Jacobi-Kirche, Göttingen 2002. – Bernd Carqué und Hedwig Röckelein (Hg.), Das Hochaltarretabel der St. Jacobi-Kirche in Göttingen, Göttingen 2005. – Bettina Kratz-Ritter (Hg.), Festschrift zur Wiedereinweihung der renovierten Paul-Ott-Orgel St. Jacobi Göttingen Pfingsten 2007, Göttingen 2007. – Karl Heinz Bielefeld, Orgeln und Orgelbauer in Göttingen, Berlin 2007. – Yvonne Besser, Religiöse Bildsprache der nichtfigurativen Moderne. Der Fensterzyklus zu Psalm 22 von Johannes Schreiter in der Jacobikirche Göttingen, Frankfurt a.M. 2009. – Christian Scholl, Zukünftige Vergangenheit: Conrad Wilhelm Hase und die Restaurierung der Göttinger Jacobikirche 1880-1901, in: Göttinger Jahrbuch 58 (2010), S. 79-112. – Rainer Kahsnitz, Das Hochaltarretabel in St. Jacobi zu Göttingen, in: Thomas Noll und Carsten-Peter Warncke (Hg.), Kunst und Frömmigkeit in Göttingen. Die Altarbilder des späten Mittelalters, Berlin-München 2012, S. 45-82. – Bettina Achsel, Anmerkungen zu zeichnerischen Werketappen der Jakobus-Szenen auf dem Göttinger Jacobi-Retabel, in: Thomas Noll und Carsten-Peter Warncke (Hg.), Kunst und Frömmigkeit in Göttingen. Die Altarbilder des späten Mittelalters, Berlin-München 2012, S. 83-98. – Das Rechnungs- und Kopialbuch der Kirche St. Jacobi in Göttingen 1416-1603. Einführung und Edition, bearbeitet von Josef Dolle, Bielefeld 2014. – Klara Wagner und Anna Luisa Walter, St. Jacobi, in: Jens Reiche und Christian Scholl (Hg.), Göttinger Kirchen des Mittelalters, Göttingen 2015, S. 151-195. – Harald Storz, Die Grabplatten in St. Jacobi, Göttingen 2015. – Christian Scholl und Harald Storz, Sichtlich evangelisch. Die Glasfenster der Jacobikirche in Göttingen von 1900/01, Göttingen 2017.